Schulmuseum Steinhorst

for my children
Aus dem Seesack eines Kriegsheimkehrers 1947

7. April - 13. August 2017

Eine Landschaft aus Zahnpasta, ein Karussell, so groß, dass es in eine Hosentasche passt und viele Illustrationen. Die spannende Sonderausstellung im Schulmuseum Steinhorst zeigt Bilder und Spielzeugkästchen eines Kriegsheimkehrers und die Geschichte dahinter.

Als Albert Witt, ein Gewerbelehrer für Maler sich im Mai 1941, kurz vor der Geburt seiner Tochter, freiwillig zum Kriegsdienst meldete, war er 34 Jahre alt. Er wurde in Fentsch (frz.Fontoy) in Lothringen an der damaligen Grenze zu Frankreich eingesetzt. Seine Dienstbezeichnung war „Grenzdienstreservist“. Auf seinen täglichen Patrouillen war er oft allein und zeichnete, wo immer er Rast machte.

Trotz der räumlichen Distanz zu seiner Tochter, wollte er ihr die Welt zeigen und erklären. So lernte die kleine Friederike ihren Vater kennen: über postkartengroßen Bildchen, kleinen Briefchen und beim gelegentlichen Heimaturlaub des Vaters. Bis zum 11. Juni 1944 trudelten beinahe täglich Briefe und Bilder bei Familie Witt ein.
An diesem Tag geriet Albert Witt in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Er war einer von rund 371.000 deutschen Soldaten, die auf zahlreiche Lager innerhalb der USA verteilt wurden. Als Erntehelfer wurde er in verschiedenen Lagern von der Ost- bis zur Westküste eingesetzt.

Der Wunsch, sich künstlerisch auszudrücken, blieb bei ihm erhalten. Seiner Malmittel beraubt, musste er andere Werkstoffe finden. So entstanden aus Pappe, Draht, Holz und anderen Materialien nach und nach die ersten Kästchen. Alle maßen etwa 6,5 x 6,5 cm, die meisten waren 4 cm hoch. So konnte er sie von Lager zu Lager mitnehmen.

Das offizielle Kriegsende am 8. Mai 1945 bedeutete für Albert Witt keineswegs das Ende der Kriegsgefangenschaft. Zwar wurden die ersten Gefangenen aus den amerikanischen Lagern schon im Juni 1945 entlassen. Einige tausend deutsche Gefangene wurden jedoch nicht nach Deutschland zurückgeschickt, sondern an Frankreich und Großbritannien übergeben. Auch Albert Witt war darunter.

In Südostengland arbeitete er wieder in der Landwirtschaft. Dort entstanden die meisten Kästchen und Bildergeschichten. Ab September 1946 begannen auch die Briten mit der Rückführung der Kriegsgefangenen nach Deutschland. Albert Witt erreichte am 27. Juli 1947 seine Heimatstadt Uelzen. Im Gepäck hatte er alle Spielzeugkästchen und Bildergeschichten, die er für seine Tochter hergestellt hatte.

Albert Witt war gewiss nicht der einzige Vater, der so mit seinem Kind Kontakt halten wollte. Auch andere „abwesende„ Väter zeichneten und bastelten in dieser Zeit für ihre Kinder, schrieben ihnen Briefe und gaben erzieherische Ratschläge. Stil und Umfang der vorliegenden Sammlung sind jedoch bemerkenswert.

Die Sonderausstellung führt durch die einzelnen Lebensstationen Albert Witts während seiner Zeit im Zweiten Weltkrieg und seiner Kriegsgefangenschaft. Sie zeigt seine Kreativität und sein Einfallsreichtum, die sich in fast 100 Grafiken und Objekten widerspiegeln.

Zu den ausgestellten Exponaten gibt es erstmals auch eine virtuelle Ergänzung. Sechs Spielzeugkästchen können auf einem Bildschirm als dreidimensionale und animierte Abbildung von allen Seiten betrachtet werden. So bleibt kein Detail dieser feinen Arbeit dem Auge des Betrachters verborgen.

Zur Ausstellung „for my children. Aus dem Seesack eines Kriegsgefangenen 1947“ ist ein umfangreicher Begleitband erschienen. Dieser ist an der Museumskasse erhältlich. Die Ausstellung wurde von der Lüneburgischen Landschaft gefördert und in Kooperation mit der TU Braunschweig entwickelt.

Dank gilt Frau Friederike Witt- Schiedung, die den umfangreichen Nachlass ihres Vaters dem Schulmuseum Steinhorst zur Verfügung gestellt und damit den Anstoß zu dieser Ausstellung gegeben hat.

Schulmuseum Steinhorst
Marktstraße 20
29367 Steinhorst
Telefon (0 51 48) 40 15
E-Mail schulmuseum@museen-gifhorn.de

Geöffnet: Mi – Sa 14 – 16 Uhr
Sonn- u. Feiertage 11 – 17 Uhr
Gruppen nach Anmeldung

Eintritt : Erwachsene  3,- €/ ermäßigt  1,50 €
Kinder bis 11 Jahre frei
Gruppen nach Anmeldung

Das Museumscafé ist leider vorübergehend geschlossen.

Flyer zur Ausstellung for my children Eine Zikade vollführt im Kästchen 'Japan' tollkühne Sprünge
Albert Witts Aufenthalte in den USA
'Was Rike macht' heißt diese Bilderreihe; in einer anderen Serie dreht es sich um Tiernamen (unten)
Serie 'Tiernamen'
Das Kästchen 'Winter'
Der zusammengebaute Inhalt des Kästchens 'Prater'